Inga Smolinetz, Vorsitzende der gesellschaftlichen Vereinigung „Gesellschaft der Deutschen „Wiedergeburt“ des Gebietes Aktobinsk“

Inga Smolinetz

Ist es Ihnen jemals passiert, dass sie Menschen getroffen haben, die die alltägliche Hektik friedlich und freimütig betrachten, als würden sie in dieser Welt leben, und gleichzeitig in einer ganz eigenen, besonderen? Menschen, die IHRE SACHE lieben, kann man nicht nur sehen, man spürt sie  von einem Kilometer Entfernung. Sie verblüffen andere mit Gleichgültigkeit und Apathie für das Geschehen, für all die sogenannten „Farben des Lebens“, für gewöhnliche und festliche Ereignisse. Aber wenn Sie einen Menschen aufmerksam beobachten, der von SEINER SACHE begeistert und ihr treu ergeben ist, werden Sie von dem Farbrausch in der weit geöffneten menschlichen Welt schockiert und ihr ursprünglicher Eindruck zerstört sein.

All jenen oben angeführten möchte ich meine Bekanntschaft, die gemeinsame Arbeit und den alltäglichen Umgang mit Rawil Gafarow charakterisieren, ein mir sehr nahestehende Mensch, verlässlicher Mitstreiter, professioneller Musiker, Begründer und im Laufe von fast 10 Jahren unsterblich gewordener Leiter unseres deutschen Volksmusikchores „Veilchen“.

Kreativen Naturen sind innere Diskrepanzen eigentümlich, ganz zu schweigen von den Streitigkeiten und der Ablehnung von Kompromissen in kollektiven Angelegenheiten. Aber ich verneige mein Haupt so wie früher vor dem Talent unseres Rawil, dem es, obwohl er der Herkunft nach kein ethnischer Deutscher ist, gelungen ist, die deutsche Folklore, die Schönheit und die Originalität der Darbietungen, das europäische Genre nicht einfach nur selbst zu spüren, sondern diese gesamte Pracht auch den Zuhörern, den Bewunderern der deutschen Kultur weiterzugeben.

Bald werden wir den 20. Jahrestag der künstlerischen Aktivität des Kollektivs „Veilchens“ feiern. 20 Jahre der Suche und der Erfolge, großer Hoffnungen und berechtigter innerlicher Ausbrüche; 20 Jahre voll schwieriger, manchmal alleiniger Entscheidungen und Verantwortungen, 20 Jahre lang intensives kreatives Leben, welches für Generationen von Mädchen, junger Frauen und Damen in jeder Hinsicht des Wortes zu einer mächtigen Startrampe wurde! 20 Jahre, die Rawil Gafarow der Gesellschaft der Deutschen Aktobinsk schenkte.

Pedantisch und unnachgiebig selbst in den gewöhnlichsten Fragen legte Rawil von Beginn an die Messlatte für sich als Musikanten und Leiter eines nicht leicht zu bändigenden Frauenkollektivs hoch und forderte dementsprechend die Akzeptanz all dessen von seinen Mitmenschen.

Die Chorgruppe „Veilchen“ ist der Stolz der Gesellschaft der Deutschen „Wiedergeburt“ Aktobinsk, welcher zwei Mal den großen Titel des volkstümlichen deutschen Chores verteidigt hat. Im Repertoire befinden sich Lieder in fünf Sprachen. Sie haben als einzige unter den Regionalgesellschaften der Deutschen in Kasachstan das gesamte Repertoire der zwanzigjährigen Arbeit bewahrt und nicht ihren Mentor gewechselt, und konnten auf den großen Bühnen Kasachstans, Russlands und Deutschlands Anerkennung finden.

Es wird noch etwas Zeit vergehen, und die gegenwärtige Generation talentierter und von der Musik begeisterter junger Frauen wird von der nächsten abgelöst, aber der Name Rawil Gafarows wird für immer mit der Geschichte des von ihm geschaffenen Kollektivs „Veilchen“ verbunden sein. Man möchte glauben, dass sich diese Geschichte fortsetzt, und die „Schöpfung“ Rawils ebenso einer der hellsten Sterne am Firmament aller neuen talentierten Namen sein wird!

Traurig, dass du nicht mehr bist… Froh, dass du warst!

Nurija Gafanowa, Klavierlehrerin an der ANK namens A. Zhubanow

Nurija Gafanowa

Ich spiele seit der Kindheit Klavier. Zuerst schien es mir, als hätte mein kleiner Bruder keinerlei Interesse daran, aber eines Tages erklärte er, dass er ebenfalls in der Musikschule unterrichtet werden möchte.

Die Seele strebte zur Musik, so wie sie später auch zum Glauben strebte. Wir haben von Kindheit an gehört, wie der Vater über jeder Krippe auf arabisch und russisch gebetet hat. Er hat immer wiederholt, dass ihn der Glaube und die Gebete, die er kannte, im Krieg gerettet haben.

Die Mutter ist Buchhalterin von Beruf, sie sagte oft: „Wenn ich ein Instrument spielen könnte, dann würde ich den ganzen Tag lang spielen.“ Genau das hat Rawil getan. Er hat sich nicht auf das Klavier beschränkt, er beherrschte bald die Gitarre und später auch das Akkordeon. Er konnte jedes beliebige Lied nach dem Gehör spielen, er improvisierte und komponierte. Alles, was er anfasste, machte er mit großer Begeisterung!

In einer Musikschule, in der er Chordirigent studierte, gründete er eine Jazzgruppe. Sie lärmten auf den Konzerten in allen Instituten und Hochschulen der ganzen Stadt.

Unter de Musikanten erzählt man sich, dass Pianisten die Individualisten sind , sie verbringen viele Stunden ganz alleine mit dem Instrument. Die Chorleute allerdings sind wahre Gruppenmenschen, die es gewohnt sind, in einem Team zu arbeiten.

Rawil wurde in die Musikschule des Dorfes Michajlowka geschickt und blieb dort 10 Jahre lang. Er unterrichtete alle Fächer: Unterricht für drei Instrumente, Solfeggio, Theorie, Musikliteratur und Chor. An den Abenden spielte und sang er auf den Tanzabenden. Für die Gemeindemitglieder restaurierte er eine verlassene lutheranische Kirche. Er versuchte immer, die Menschen mit seiner Musik und seinem Glauben zu vereinen.

Als er in die Stadt zurückkehrte, wollte er sein eigenes Kollektiv gründen, er träumte davon, damit auf Tour zu gehen. Aus den deutschen Gesangsstunden ging ein Chor hervor, und nun ist dieser Chor „Veilchen“ bereits 20 Jahre alt! Den Chor habe ich von außen beobachtet. Ich war verblüfft von dem intensiven Chorleben – Die Teilnehmer sind stolz darauf, dass sie in allen Städten Kasachstans waren, dass sie in Orenburg, in Moskau, auf der Krim und schließlich in Berlin aufgetreten sind.

Die Atmosphäre auf den Konzerten, die sie vier Mal im Jahr gegeben haben, war ausgelassen, es war ein Gefühl, das dich mit innerlicher Wärme und Licht erfüllt. Das Repertoire war frisch, Rawil hat oft neue Lieder geschrieben, die Reden im Saal waren ungezwungen, die Kostüme handverlesen, die Choreografie war interessant, das Arrangement reichhaltig (professionelle Arbeit von S. Teplinskij) und schließlich der Klang, der mit den Jahren immer klarer und voluminöser wurde. Zu seinem 50. Jubiläum hat Rawil mit dem Chor ein Programm vorbereitet, welches vollständig aus seinen eigenen Liedern und Gedichten bestand.

Die Generationen wechselten, aber alle Teilnehmer blieben sich immer nahe. Und nicht nur die Teilnehmer – Rawil schaffte es, die Eltern in das Leben des Kollektivs mit einzubeziehen. Die Mütter begleiteten die Truppe auf Gastspielen, bastelten Kostüme. Aber die wichtigste „Mutter“ bleibt bis heute Irina Aleksandrowna Slintschenko, eine Frau mit großer Seele, klug und intelligent, die es weiß, wie man in den schweren Minuten des Lebens unterstützt.

Eine solche Arbeit ist niemals vergebens. Die Strahlen des Guten und des Lichts, die dieses Kollektiv erzeugt, werden immer leben und von Seele zu Seele weitergegeben. Viel Glück euch, den „Veilchen“ und der neuen Leiterin Irina Gontscharowa!

Irina Gontscharowa, Studentin der ARGU namens Zhubanow, Leiterin des deutschen Volksmusikchores „Veilchen“

Irina Gontscharowa

Als ich zu Rawil in die erste Probe kam, war ich 14 Jahre alt. Zu dieser Zeit konnte ich mir noch nicht vorstellen, dass ich einmal an einem Festival in Deutschland teilnehmen und sogar die Leitung übernehmen würde. Meine Geschichte ist eine Reihe glücklicher zufälliger Begegnungen, welche als Ergebnis mein ganzes Leben auf den Kopf stellen.

Zu sagen, der Chor hätte mein ganzes Leben verändert, wäre noch untertrieben. Mit jeder Probe hat sich meine Persönlichkeit verändert – ich wurde verantwortungsvoller, erwachsener, weiser. Es stellte sich heraus, dass ich für die Musik geschaffen war. Rawil, der eine Seelenverwandte in mir sah, hat sich sehr um mich gekümmert – er ahnte, dass ich ohne die Bühne leiden würde. Er kam zu uns nach Hause, überzeugte die Verwandten, dass ich Musik studieren sollte, und er hatte Erfolg! Die Familie konnte nicht standhalten und gab nach. Die Mühen begannen mit der Aufnahme, die ich ebenfalls ohne Rawil nie geschafft hätte. Wir haben zusammen die Bildungseinrichtung ausgewählt, er hat mich auf die Aufnahmeprüfung vorbereitet und ungeduldig gewartet, bis ich sie geschafft habe. Er hat sich um mich gesorgt, wie um eine Tochter. Er kam persönlich in die Universität, um sich die Listen der aufgenommenen Studenten anzusehen.

Ich bin dank der Fürsorge Rawils aufgenommen worden, er hat davon geträumt, dass ich künstlerische Leiterin werden würde. Und so kam es, die Leitung des Chores ging in meine Hände über. Und jetzt ist das Gedenken an Rawil für mich das allerwichtigste, die Dankbarkeit für die Möglichkeit, im Chor lernen und arbeiten zu können.

 

Wir bemühen uns um eine freundschaftliche Atmosphäre

Zulfija Nasyrowa, Teilnehmerin:

Zulfija Nasyrowa

Ich habe in den Deutschkursen der Gesellschaft „Wiedergeburt“ von dem Chor erfahren – wir haben ein festliches Weihnachtslied gelernt, und die Lehrerin hat Rawil eingeladen. Wir haben komischerweise einen jungen Kerl erwartet und waren unglaublich überrascht, als wir einen Mann über 40 sahen. Als wir uns allerdings mit ihm unterhalten haben, bezweifelte ich mein unüberlegtes Urteil über sein Alter – es schien, als wäre er immer 18 geblieben. Er verstand das und scherzte: „Mädels, der allerjüngste hier bin ich! Ich bin doch erst 18!“ Rawil hat uns geholfen, er sang viele Weihnachtslieder und lud uns zu den Konzerten seines Kollektivs „Veilchen“ ein. Den Chor „Veilchen“ zu nennen, wurde zufällig entschieden. Leichtfertig sagte ein Zuschauer: „Rawil, deien Mädels sehen wie Blümchen aus!“ – und das Kollektiv erhielt diesen blumigen Namen!

Als wir auf einem Konzert waren, haben meine Freundin und ich uns einfach in „Veilchen“ verliebt und fest entschieden: „Wir wollen in diesem Chor singen!“ Und im September sind es bereits 12 Jahre meiner musikalischen Karriere.

Offiziell existiert der Chor seit 1999. Rawil erzählte, dass er zuerst nur Mädchen mit deutschen Wurzeln aufgenommen hat, aber später sind die deutschen Mädchen nach Deutschland gegangen, und es gab mehr Interessenten anderer Nationalitäten, die im Kollektiv mitmachen wollten.  Da fing er an, alle aufzunehmen, die singen wollten und die Musik liebten. Er sparte weder an Kraft noch an Zeit.

Wir haben die Atmosphäre bei den Proben geliebt! Wir haben uns nie wie in einer Übungsstunde gefühlt, sondern Rawil als fürsorglichen Vater und Freund wahrgenommen, der jeden Witz verstehen würde. Wir rannten zu den Proben, egal ob hungrig oder müde, wir hatten Lust zu singen. Rawil spielte mehrere Instrumente, er schrieb selbst Gedichte und Lieder. Er war sensibel mit der Musik – er las die Texte, warf sie ohne Erbarmen weg, wenn er an der moralischen Seite ihres Inhalts zweifelte.

Sein größter Traum war es, den Chor nach Deutschland zu bringen, und im letzten Jahr seines Lebens hat er sich erfüllt. Rawil sagte: „Jetzt gehe ich in Rente, Ira wird den Chor nach mir leiten“. Er hat sie langsam darauf vorbereitet, hat sein Wissen weitergegeben. Ira hat das super gemacht, ich glaube, ihr wird trotz ihres jungen Alters alles gelingen. Natürlich ging mit Rawil ein Teil unserer Seele, aber wir bemühen uns um die freundschaftliche Atmosphäre, die er geschaffen und zum Prinzip erhoben hat, an dem er festhielt, als er „Veilchen“ geleitet hat. In 20 Chorjahren schaffte es der Chor nicht nur, zahlreiche Konzerte zu geben, sondern auch die CD „Feierzeit“ mit von Rawil Gafarow selbst geschriebenen Liedern und einige Musikvideos aufzunehmen. Als wir gefragt wurden: „Wie geht es jetzt mit dem Chor weiter? Wird er weiter existieren?“ Haben wir geantortet und werden immer sagen: „Natürlich gibt es ihn!“ Und jetzt, wo die Vorbereitungen für das 20. Jubiläum in vollem Gange sind, bin ich ein weiteres Mal davon überzeugt.

Der Glaube gab uns Kraft für alles

Irina Slintschenko, Mutter einer Chorteilnehmerin

Irina Slintschenko

Rawil hat uns in den ersten, noch kalten Tagen dieses Frühlings verlassen. Der Verlust eines solchen Menschen verwaist nicht nur seine Familie. Verwaist bleiben auch seine Freunde, Mitstreiter, Schüler – alle, die mit ihm im selben Orbit waren. Im Orbit seines Talents, seiner Leistung und seiner Seele. Rawil war Musiker von Beruf, aber Pädagoge von Gott. In irgend einem Moment kamen Beruf und Berufung zusammen und haben die Kraft des Talentes gefunden. Und in diesem Moment wurde der Chor „Veilchen“ geboren – das Kind von Rawil, sein Werk und sein Lebenssinn. In diesen Tagen wird „Veilchen“ 20 Jahre alt und ihr zweites Jubiläumskonzert findet ohne Rawil statt.

Die Erinnerung hält alles fest, worüber ich schreiben möchte. Über Rawil, seinen Chor, über die Tage der großen Fürsorge, über Schwierigkeiten und Freuden. Meine zwölfjährige Tochter kam hierher, um zu singen. Rawil hielt immer Kontakt zu den Eltern seiner Schülerinnen, lud sie zu den Proben ein. So wurden wir, viele Mütter, zu „Chormitgliedern“, halfen bei allem.

Tatjana Dachno und Elena Ignatowa, ihre Hilfe war unbezahlbar. Tatjana war auf den Konzertfahrten unverzichtbar – sie war ruhig und praktisch, immer freundlich und leicht im Umgang. Nichts entging ihrer Aufmerksamkeit, und Rawil konnte sich in aller Ruhe seiner Kreativität widmen. Sie hat die Mädchen und Rawil immer verstanden, sie war eine wirklich weise Frau.

Als Rawil entschied, dass das Kollektiv die schönsten deutschen Trachten haben sollte, haben wir sie buchstäblich aus dem Nichts geschaffen. Ohne das Talent von Elena wäre uns nichts gelungen. Wir haben zwei Garnituren gemacht und schöne Schuhe gekauft.

Bei jenem Konzert, bei dem diese Kleider Premiere hatten, geschah ein Wunder auf der Bühne – drei Kostümwechsel, ein Defilee… Rawil war glücklich – ein neues Kapitel im Leben des Chores begann. Er plante große Veränderungen und das inspirierte ihn. Die Auftritte mit Akustikgitarre und den einfachen Outfits gehörten der Vergangenheit an. Jetzt gab es ein neues Ziel – der Chor sollte alles selbst besitzen: vom Mikrofon für jede Teilnehmerin bis zu einem Mehrkanalschaltpult.

Rawil lebte immer nach seinen eigenen Regeln und fand zu seinen Zielen – wenn etwas benötigt wurde, dann gab es das auch. Der Glaube gab ihm Kraft für alles.

Ich hatte großes Glück. Mit dem Chor für fast 10 Jahre zu sein, zu helfen, Veränderungen zu beobachten, die Früchte großer Arbeit zu sehen – dies ist das Geschenk des Schicksals. Auch wenn die Kommunikation mit einer kreativen Person manchmal schwierig ist. Aber die Freude überwiegt immer, und sie hat mich immer im Chor gehalten.

Über Rawil kann man nicht einfach so aus dem Gedächtnis erzählen. Über ihn könnte man ein ganzes Buch schreiben: über die Facetten seines Charakters, seines Talentes, seinen Glauben, mit den Weisheiten eines reifen Mannes und der Reinheit eines Kindes. Jetzt verstehen ich, dass ich Rawil nicht vergessen kann, die Zeit kann diese Wunde nicht heilen. Ich bin immer noch mit den Mädchen, ich helfe, wo ich gebraucht werde.

Der Chor „Veilchen“ lebt, singt, tritt auf – bereits mit mit einer neuen Leiterin, die nicht einfach so erschien. Sie wurde von Rawil aufgezogen und vorbereitet. Als Irina Gontscharowa zu ihm zum Singen kam, sah er sofort in ihr die vertraute Seele eines Musikers. Jetzt glaube ich, dass Rawil den Stimmen von oben zuhört, er schenkte Ira so viel Zeit, Arbeit und Kraft, brachte ihr die Musik und das Singen bei. Und jetzt ist Ira für den Chor die Fortführung des Lebens Rawils und das lebendige Denkmal an ihn.

„Tatare mit deutscher Seele!“ Genau so wurde Rawil einmal in einem Interview genannt!

Aljona Radowskaja

Aljona Radowskaja

Ich mit eines der Chormitglieder der allerersten Besetzung von „Veilchen“. Wir waren 13 sehr unterschiedliche Mädchen – Schülerinnen, Studentinnen und Arbeiterinnen. Trotzdem fand Rawil mit Leichtigkeit eine gemeinsame Sprache mit uns. Uns verband eines – der große Wunsch, deutsche Lieder zu singen. Es gab keine Solisten, wir wurden nach unserer Stimme eingeteilt: wir haben Lieder als Duett oder als Quartett gesungen, es gab Tanzgruppen, und ein Chormitglied hat wunderbar Gedichte auf Deutsch gelesen. Für jedes Mädchen und jede Gruppe hat Rawil feinsinnig Werke ausgesucht, die ihre Fähigkeiten unterstrichen.

 

Der Chor „Veilchen“ entstand in schwierigen und hoffnungslosen Zeiten. Wir hatten kein Geld, deshalb waren die Kostüme sehr einfach, manchmal gab es nichts zu tun. Von Tonträgern konnte keine Rede sein – bei allen Konzerten traten wir immer live auf. Rawil schrieb die Texte für jeden Chormitglied selbst.

 

Ich kam in den Chor zwei Wochen vor einem Konzert in Taraz. Zu dieser Zeit konnte ich noch nicht mal auf deutsch lesen, weil ich in der Schule nur Englisch gelernt habe. Rawil scherzte: „Wie kann das sein? Du hast doch deutsche Wurzeln!“ Er brachte mir die Grundlagen des Lesens bei und half mir alle Teile der Lieder auswendig zu lernen. Es war sehr schwer, aber Rawil half mir, in ein paar Wochen alle Texte zu lernen. Ich kann sie bis heute!

Ich erinnere mich gut an unsere erste Fahrt zum Festival der deutschen Jugend in Taraz. Dies war ein großes Ereignis – genau dort kündigte sich „Veilchen“ an!

Wir besaßen eine bestimmte innere Energie, ein einzigartiges Repertoire, welches Rawil in der Zeit seiner Arbeit in Michajlowka zusammensammelte. Es gab auch selbstgeschriebene Lieder – Rawil hat sie immer für seine geliebten „Veilchen“ geschrieben.

Wir nahmen an allen Veranstaltungen teil, erhielten die Bezeichnung des Volkschores. Wir hatten viele Gastkonzerte, fürchteten uns nie vor unbekannten Orten. Es kam der Moment, als wir unsere erste CD herausbrachten, welche aus Musik und Liedern von Rawil bestand.

Er war die Seele der Gruppe – er fand leicht mit jedem Menschen aus jedem Land zusammen. Er erreichte alles, an was er dachte. Er träumte von Reisen in verschiedene Städte und Länder, ganz besonders nach Deutschland. Er wünschte sich, dass der Chor mit allem nötigen ausgestattet war – mit Ausrüstung, Tonträgern, schönen Kostümen. Mit ihm war es immer lustig und interessant!

„Sei nicht traurig, lieber, kleiner Mann!“

Elena Semenowa, Musikerin

Dies ist eine Zeile aus einem Lied, welches Rawil im August 1993 komponierte. Dieser Aufruf drückt seine Haltung zu den Menschen aus.

Er war freundlich, aufmerksam, einfühlsam. Dies drückte sich in seinen Liedern aus – mit ihnen wollte Rawil ein glückliches Weltbild und den Glauben an eine bessere Zukunft teilen.   

 Ich möchte an unser Treffen im Oktober 1993 erinnern. Wir, die Teilnehmer einer Vokalgruppe, kamen auf Einladung Rawils in die Siedlung Michajlowka, um einen traditionellen deutschen Feiertag zu feiern – das „Erntedankfest“. Ich erinnere mich, wie sich viele Menschen auf dem großen Schulgelände versammelten: es waren solch teilnahmsvolle Zuhörer, dass wir immer weiter und weiter singen wollten. Die Atmosphäre war einfach magisch!

Nach dem Konzert lernten wir die Gesangsgruppe kennen, die Rawil leitete. Es vergingen mehr als 20 Jahre, und ich erinnere mich noch immer an diesen unvergesslichen Tag! Ich werde auch Rawil nie vergessen – ein Mensch, der die Menschen in seiner Umwelt vereinte und ihnen Licht und Segen schenkte!

Übersetzung: Philipp Dippl

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