In den letzten zwei Jahren durchlebte die Gesellschaftliche Stiftung „Vereinigung der Deutschen Kasachstans „Wiedergeburt“ nicht wenige Ereignisse, die einer offiziellen Einschätzung bedürfen. Unser Korrespondent Walerij Schewalje bat den Exekutivdirektor der Stiftung Dmitrij Redler, diese zu kommentieren und Fragen zu beantworten.

Auf der gesamtnationalen Konferenz der Deutschen Kasachstans im Jahr 2017 ergaben sich gravierende Veränderungen in unserer gesellschaftlichen Organisation – im Namen, in der Leitung und im strukturellen Aufbau. Reflektiert der Austausch des Äußeren und des Status einen realen Wandel im Leben der Selbstorganisation?

– Zweifellos. Diese Veränderungen reiften mehr als ein Jahr heran und nahmen zum dreißigjährigen Jubiläum der Gründung von „Wiedergeburt“ konkrete Formen an. Sie spiegeln die aktuellen Herausforderungen wider, vor der die Selbstorganisation der Deutschen Kasachstan steht. In der vergangenen Zeit hat das Exekutivbüro den Schwerpunkt auf die Steigerung der Effektivität der Verwendung von Fremdmitteln gelegt. Es erfolgte ein kontinuierlicher Optimierungsprozess der Aktivitäten, welcher es ermöglichte, die Verfahren und Regeln der Hauptprojekte des Programms zur Unterstützung der Deutschen zu regeln. Es wurde ein neuer Ansatz bei der Verteilung der Mittel unter den Regionalgesellschaften eingeführt, der es ermöglichte, die Aktivität in den Projektaktivitäten zu stimulieren und sie auf bestimmte Ziele auszurichten. Es gelang, den Papierdokumentenverkehr zu halbieren. Die Arbeitsabläufe der Kontrolle der Projektumsetzungen wurde verbessert, was es insgesamt ermöglicht, die Effektivität der Aktivitäten zu erhöhen.

Und, was besonders wichtig ist, es gelang uns, mit der Arbeit des Front-Office in der Hauptstadt zu starten. Dessen Eröffnung konnte nur dank der angezogenen Mittel stattfinden.

Trotzdem vergessen wir das Wichtigste nicht. Heute zählt die deutsche Ethnie Kasachstans rund 180.000 Menschen. Manche gehen immer noch, aber der Großteil bleibt und wird sich wohl kaum jemals mehr auf den „Rückweg“ begeben: die Gründe dafür sind in jeder Familie unterschiedlich und und das Recht, sich zu entscheiden, bleibt jedem selbst überlassen. Davon ausgehend sollten wir unsere Bemühungen darauf ausrichten, die Lebensqualität für diejenigen zu verbessern, die bleiben. Dabei liegt die Priorität unserer Arbeit auf der effektiven Verwendung der Mittel, der Transparenz und der Demokratie unserer Aktivitäten, sowie der Gerechtigkeit unserer Entscheidungen: ob im Kuratorium, im Exekutivbüro, bei den Lehrkräften oder den Aktivisten in den Regionalgesellschaften. Alle Entscheidungen des Kuratoriums kann man in der entsprechenden Rubrik der Internetseite nachlesen.

Welche Werkzeuge stehen der Stiftung hierfür zu Verfügung?

 – Zuerst haben wir das Exekutivbüro mit profilierten Spezialisten verstärkt. Der größte Teil von ihnen beherrscht Deutsch und vertiefen ihre Sprachkenntnisse in dieser grundlegenden Frage. Es wurde dank der hohen Standards unserer Mitarbeiter ein wichtiger Schritt getan – der Beginn des Digitalisierungsprozesses. Dies hat nicht nur die Kommunikation mit den Regionen beschleunigt, sondern ermöglichte auch die Kontrolle der Umsetzung von Entscheidungen und Empfehlungen auf einem qualitativ hochwertigeren Niveau. Wie unsere Kuratoren aus Deutschland festgestellt haben, befindet sich insbesondere unsere Stiftung auf einer führenden Position im Bereich des Einsatzes moderner Informationstechnologien.

Der Stiftung steht eine vollständig ausgestaltete Media-Holding zur Verfügung. Inwiefern bewältigt sie die ihnen gestellten Aufgaben?

 – Ja, heute nutzen wir zur Verbreitung unserer Aktivitäten die Deutsche Allgemeine Zeitung (in gedruckter und elektronischer Form), eine recht gut entwickelte Plattform, ein Radiosender und ein YouTube-Kanal befindet sich im Aufbau. Die Arbeit an einem virtuellen Museum hat begonnen. Wie Sie sehen, deckt sich dies alles mit den Plänen und der täglichen Arbeit der Digitalisierung unserer Aktivitäten. Natürlich erwarten wir von unseren eigenen Medien eine noch lebendigere und effektivere Arbeit. Der Perfektion sind besonders in den kreativen Tätigkeiten keine Grenzen gesetzt. Es könnte noch einige Prozente mehr Wachstum geben. Aber wir bewerten jegliche Bewegung nach vorne optimistisch, weil hinter jeder noch so bescheidenen Kennziffer einer positiven Dynamik unsere Leute stehen.

Wir können unmöglich das Thema der Rückkehr der deutschen Sprache in die allgemeinbildenden Schulen des Landes umgehen!

– Dies ist ein historischer Erfolg unserer Selbstorganisation! Und zuallererst ein riesiger Verdienst unseres Vorsitzenden des Kuratoriums Albert Rau. Wir erwarten mit Aufregung den Beginn des neuen Schuljahres – es ist sehr schwierig, im Moment die Anzahl der jungen Schüler zu zählen, welche Deutsch lernen werden. Und obwohl mir diesbezüglich positive Beispiele bekannt sind, kann man sich vorstellen, wie viele Streitigkeiten und Diskussionen es in den Familien gab und bis zum letzten Moment geben wird. Und nicht nur in den deutschen Familien: wir laden die Repräsentanten aller Ethnien des Landes in die deutschen Klassen ein.

Die Rückkehr der deutschen Sprache in die Schule ist die Lösung für ein riesiges Problem gesamtnationaler Bedeutung, wie ich sagen würde. Die Früchte dieses Ereignisses werden wir im Gesamtergebnis in rund 10-15 Jahren sehen. Das macht uns keine Angst, denn wir bleiben hier und hoffen sehr, gute Resultate dieser Arbeit zu sehen. Ich würde mir sehr wünschen, dass in diesem Prozess die Menschen nicht nur die Erfüllung der Launen irgendeiner Familie über die Zukunft ihres Kindes sehen. Dies ist eine gesamtnationale Aufgabe.

Die Beziehungen zwischen Deutschland und Kasachstan sind auf einem soliden Fundament aufgebaut. Dutzende deutsche Unternehmen bringen ihre Produktion und ihr Geschäft in unser Land. Eines der größten Probleme sind die örtlichen Arbeitnehmer, für die es erforderlich ist, Deutsch zu sprechen, wenn auch auf Grundstufe. Und besser wäre es, auf einer soliden. Zum Beispiel herrscht eine spürbare Nachfrage nach Buchhaltern mit guten Deutschkenntnissen. Und dies bringt eine verdiente Bezahlung und einen entsprechende Grad an Lebensqualität.

Und die Bewegung dort hin beginnt jetzt, am 1. September, in den Gruppen und Klassen der jungen Schüler, welche beginnen, Deutsch zu lernen. Des weiteren das Studium an deutschen und österreichischen Hochschulen in der gewählten Fachrichtung und die Arbeit mit ausgezeichneten, gesamteuropäischen Diplomen und einer hohen Bezahlung in der Heimat, in Kasachstan. Dies ist keine Utopie: Die Zeit vergeht im Flug, und genauso schnell werden unsere Kinder erwachsen. Wir müssen alles dafür tun, um uns auf diesem Wege nicht selbst auszubremsen, um nicht in der Routine zu ertrinken. Natürlich hoffen wir hier sehr auf die Aufklärungsarbeit der Regionalgesellschaften. Wir müssen in die Schulen, in die Kindergärten und zu den Familien gehen und ihnen die Perspektiven dieser großen Aufgabe erklären.

– In diesem Jahr wurde der GS „Wiedergeburt“ der Status des Fördermittelgebers verliehen. Was bedeutet dies?

– Dies bedeutet, dass wir ein Problem lösen konnten, welches viele Jahre lang nicht gelöst wurde. Die Stiftung wurde zum Fördermittelgeber, und da die Aktivitäten der Organisation einen gemeinnützigen Charakter besitzen, sollte auch die steuerliche Behandlung eine besondere sein. Wir haben die Freigabe zusätzlicher Mittel erreicht, mit denen wir neue und bestehende Projekte finanzieren und unsere Reichweite erhöhen können. Zusammen mit diesem Ereignis erfolgte auch der Übergang zur Zusammenarbeit mit der neuenVermittlungsstruktur BW-i, was von der Selbstorganisation eine Intensivierung der Arbeit in der Planung und Berichterstattung erfordert. Und, was auch noch sehr wichtig ist, bringt uns dieser Wechsel in eine Übergangsphase der Eigen- und Drittmittelfinanzierung unserer Projekte in Höhe von nicht weniger als zehn Prozent.

– Wie realistisch ist es momentan, von Eigen- und Drittmittelfinanzierung zu sprechen, welche unabhängige Einnahmen ermöglicht?

 – Es ist realistisch. Heute gibt es eine Eigen- und Drittmittelfinanzierung, aber diese lässt sich nicht leicht ausdrücken, man kann sie nur schwer auf dem Papier vorzeigen, da wir oft über unentgeltliche Dienstleistungen sprechen. Die Regionen unterscheiden sich stark im Grad der Förderung durch deutsche Unternehmer. Die verbindlichen Voraussetzungen der Eigen- und Drittmittelfinanzierung motivieren uns, intensiver mit den Unternehmern zusammenzuarbeiten. Wie bekannt ist, liebt die Wirtschaft es nicht, Mittel zu geben, ohne das Ziel und die Resultate zu kennen. Zum Beispiel haben unsere Unternehmer die Deutsche Allgemeine Zeitung bei der Bildung einer gesetzlichen Stiftung unterstützt. Jetzt findet eine Sammlung von Mitteln zur Erarbeitung eines Projektvoranschlags zur Renovierung des Deutschen Theaters statt, und die beläuft sich bereits auf 9 Millionen Tenge! Gleichzeitig müssen wir zugeben, dass wir nicht ausreichend mit internationalen Stiftungen oder Zentren zur Unterstützung von Bürgerinitiativen zusammenarbeiten. Wir müssen lernen, in die Richtung des Fundraising und der staatlichen sozialen Förderprogramme zu arbeiten.

– Es wurde die Entscheidung zum Aufbau eines deutschen Zentrums in Nur-Sultan getroffen. Und was passiert mit dem Deutschen Haus in Almaty?

 – Das Deutsche Haus in Almaty ist das Symbol der deutschen Bewegung in Kasachstan, und das wird es auch bleiben. Das Kulturzentrum, die Redaktion der DAZ, die Bibliothek, alles das wird zur Erfüllung aller Aufgaben zur Erhaltung der deutschen Ethnie in unserem Land beitragen. Gleichzeitig wird das Deutsch-Kasachische Zentrum in der Hauptstadt ein Anziehungspunkt für die Deutschen des Landes, ein Schnittpunkt zwischen der deutschen und der kasachischen Kultur werden. Und nicht nur das. Wir bereiten momentan ein Programm vor, um beginnenden und gegenwärtigen Geschäftsleuten zu helfen. Was bedeutet dies? Wir sind bereit, uns eine Idee anzuhören, ihre Realisierbarkeit zu berechnen, bei der Aufstellung eines Businessplans zu helfen und gegebenenfalls bei der Suche nach Investoren zu helfen. Im neuen Gebäude unseres Deutsch-Kasachischen Zentrums werden diverse neue Projekte in Angriff genommen, von denen wir auf jeden Fall bei den nächsten Treffen berichten werden.

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass in weniger als zwei Jahren die Voraussetzungen für die zukünftige Entwicklung aller Selbstorganisationen der Stiftung sowie der Regionalgesellschaften geschaffen wurden. Wir haben alle Möglichkeiten zur Verbesserung unserer Projektaktivitäten, zur Gewinnung zusätzlicher Mittel, zur Miteinbeziehung von Unternehmern in die ethnokulturelle Arbeit, zur Wiederbelebung der deutschen Sprache, zur Miteinbeziehung eines großen Teiles der Jugend in die Selbstorganisation und, was das allerwichtigste ist, zur Vergrößerung der Reichweite. Ja, wir können gewiss sagen, dass viele „Wiedergeburt“ kennen. Aber wie viele Menschen haben noch nie von uns gehört? Es sind so viele mehr. Ich glaube, dass wir, wenn nicht jeden, zumindest jeden dritten erreichen sollten! Wir sollten das Symbol unserer Ethnie sein! Eine Säule für die Deutschen Kasachstans und eine Stärkung unserer Funktion als Brücke zwischen unserer Heimat und Deutschland!

Interview: Walerij Schewalje

Übersetzung: Philipp Dippl

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