Die Bewohner und Gäste von Aktobe lauschten Gedichten klassischer und zeitgenössischer Poeten.

Lange Zeit galten die Deutschen als kriegerisches Volk, dem der Geist der Romantik fremd war und  bei dem von Poesie überhaupt keine Rede sein konnte. Die erste Erwähnung von Heldenepen und Liedern germanischer Stämme stammen aus dem 10. – 11. Jahrhundert. Und von was handelten diese? Von alten Göttern, von der Natur und von Naturphänomenen, sowie von Helden und Rettern der Welt.

– Es ist auch interessant, dass später dichtende Musikanten und professionelle Sänger auftauchten, das heißt, Menschen wählten ein bestimmtes Thema aus und sangen darüber. Über die Medizin, über Beziehungen, über Gerichtsurteile zum Beispiel, – erläuterte die Germanistin Swetlana Ufimzewa.

Was die Aufzeichnungen der poetischen Werke betrifft, diese wurden in lateinischer Sprache niedergeschrieben.

Die poetischen Themenverändern sich leicht im 12. – 13. Jahrhundert. Helden wurden durch Ritter ersetzt. Hier blühte der Reim, und die Dichter dieser Zeit galten als reiche Männer. Der Grund hierfür ist einfach: Jene, die nicht schön sprechen konnten, stellten einfach diejenigen ein, die dies konnten. Oft schenkten die Poeten, oder besser gesagt, die Abkömmlinge der Oberschicht, ihr „Wort“ ihrer Geliebten.

Der Besitz von Beredsamkeit und die Fähigkeit, Verse zu verfassen, galt unter Rittern als unverzichtbar. Die erfolgreichsten auf diesem Gebiet nannte man Minnesänger.

– In praktisch allen Epochen: vom frühen Mittelalter bis zur Renaissance und der Aufklärung besangen die Deutschen ihre Gefühle. Vielleicht kam der Einfluss aus Italien, aber vielleicht liegt es auch im Blut, aber die Liebe und das Leben waren für sie sehr wichtig, – erzählte Swetlana.

In den Städten Deutschlands gibt es eine stillschweigende Tradition: Im Sommer, ein Mal in der Woche, normalerweise am Samstag, treffen sich junge und weniger junge Menschen auf dem Marktplatz und lesen Gedichte klassische rund moderner Poeten. Viele stellen sich mit eigenen Werken dem Urteil des Publikums.

In Aktobe hat man sich entschieden, diesem Beispiel zu folgen und verbrachte unter der Schirmherrschaft der Gesellschaft „Wiedergeburt“ den Tag der deutschen Dichtung. Unter den Teilnehmern befanden sich Jungs und Mädels der deutschen Theatergruppe, Senioren und Dichter aus der Stadt. Mehr als eine Stunde lang erklangen auf der Bühne des Retro-Parks die Werke von Goethe, Heine, oder von zeitgenössischen Autoren, die in Deutschland, Russland oder Kasachstan leben.

Die Vorsitzende des Klubs der deutschen Jugend Aktobe Anna Geer entschied sich für das Werk „Die Liebe“ von Rainer Maria Wilke, Nastja Berman zog die Übersetzung des Gedichtes „Zögere nicht“ von Shakespeare vor.

– Ich liebe die Poesie. Wenn ich Zeit habe, dann lese ich immer Gedichte auf Deutsch. Ich bevorzuge zeitgenössische Autoren, ich fühle mich ihrem Stil und ihrer Sprache näher verbunden, – sagt Anna. Der junge, aber in Aktobe bereits ziemlich bekannte Dichter Andrej Zyrfa war einer unter denen, die sich entschieden, an der Veranstaltung teilzunehmen.

– Um ehrlich zu sein, ich war angenehm überrascht, dass in dieser Stadt so viele Menschen gibt, die die deutsche Poesie schätzen. Ich habe mich dazu entschieden, Goethe zu lesen. Natürlich beherrsche kein Deutsch, deshalb lese ich momentan die Übersetzung. Ich hoffe, dass ich schon beim nächsten Mal das Original lesen kann, – teilte der Dichter seine Eindrücke mit.

Wie alle Teilnehmer des Tages der deutschen Dichtung eingestanden haben, sind solche Veranstaltungen notwendig, um die Schönheit der Sprache, ihres Reimes und der Rede zu präsentieren.

– Ich habe mich auch dazu entschieden, mein Können zu testen. Es lief nicht schlecht. Ich habe zum ersten Mal vor einem solchen Auditorium gesprochen. Es war schön zu sehen, dass sich unter den Anwesenden auf unserem Fest auch viele junge Menschen befunden haben, die den Gedichten aufmerksam gelauscht haben. Ich hoffe, dass unsere Darbietungen sie für diese Art der Literatur und für die Kunst im allgemeinen begeistern konnten“, merkte die Seniorin und aktives Mitglied in der Gesellschaft der Deutschen, Jekaterina Nikolaenko mit Freude in ihrer Stimme an.

 

Dmitrij Schinkarenko

Übersetzung: Philipp Dippl

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