Der Verein der deutschen Jugend „LENZ“ präsentierte den Zuschauern aus Pawlodar das Theaterstück „Das Letzte Band“ von Samuel Beckett in der Inszenierung der Theaterwerkstatt „Faden“ (Leitung Anna Schtschetinina, Schauspielerin des Tschechow-Theaters Pawlodar). Obwohl das Theaterstück in deutscher Sprache aufgeführt wurde, war der Zuschauersaal voll besetzt.

„Samuel Beckett ist ein englischer Dramatiker, aber die Jungs und Mädels haben eine russische Übersetzung dieses Stücks gefunden. Als ich gefragt wurde, es auf Deutsch zu übersetzen, habe ich versucht, eine fertige deutsche Übersetzung zu finden, da die Übersetzung eines künstlerischen Textes nicht einfach ist und viel Zeit in Anspruch nimmt. Ich hatte mit der Suche keinen Erfolg: Im Internet fand sich nur die deutsche Übersetzung der ersten zwei Seiten des Werks. Ich musste also selbst an die Arbeit, ich wollte den Jungs und Mädels helfen, sie brannten ja darauf, an dem landesweiten Theaterfestival teilzunehmen. Obwohl das Stück aus den 1950er Jahren stammt, ist es aktuell. Es lässt uns über unser Leben nachdenken, darüber, wie wir jeden einzelnen Augenblick verbringen, wie wir unsere Beziehungen aufbauen, um im Alter nicht einsam zu sein“, – sagte Nadezhda Stepanowa, Methodistin und Kuratorin der deutschen Sprache der Gesellschaft der Deutschen „Wiedergeburt“ in Pawlodar.

Die Nominierung „Beste Regie“ auf dem landesweiten Theaterfestival „Theater. Deutsch. Jugend“, welches in Nur-Sultan stattfand, war wohlverdient. Das Theaterstück, dass für einen Bühnenschauspieler ausgelegt ist, hat Anna Schtschetinina auf gleich sieben verschiedene Helden umgeschrieben. Die Stimmungen sind vielfältig: die vernünftig bis erhabene Lyrik seiner Helden nebst der technischen Umsetzung des Bühnenstücks – es zog die Blicke auf sich und ließ den Zuschauer nicht für eine Minute los. Die Logik und die Originalität der Entscheidungen der Regisseurin fesselten zogen die Zuschauer wie ein Magnet in ihren Bann und vermittelten gelegentlich ein intuitives Gefühl für die thematischen Handlungsstränge. Die Aufführung zeichnete sich durch die Klarheit und Originalität der Grundidee aus, welche die Schauspieler des Jugendtheaters ohne Ausnahme verkörperten.

„Das Letzte Band“ ist in der Interpretation von Anna Schtschetinina zweifellos der Erfolg sowohl der Regisseurin als auch der Truppe. Das romantische Temperament und die Aufrichtigkeit der Gefühle konnten die Zuschauer in dem Spiel von Jaroslawa Grebjonkina (Bjanka) beobachten. Ihre sanft-lyrische Art in der Darstellung unerschöpflicher Liebesfreude überzeugte. Die Hauptfigur, der alte Krepp, war nach der Idee der Regisseurin: der alte Krepp, der betagte Krepp, der junge Krepp. Und noch etwas überraschte. Wie harmonisch Walerij Woronin, Artjom Kitschutkin und Maksim Karpenko in diese Ebenbilder passten. Ohne auch nur im geringsten das Bild von Krepp zu verwässern, der seine Tage in der „Bärenhöhle“ in völliger Einsamkeit verlebte, gelang es ihnen, zusammen die Gedanken und Gefühle des Helden zusammenzufügen und seinen Geist mit einer Stimmung aus Schwermut und leichter Traurigkeit zu füllen, Empathie für einen Menschen zu erzeugen, der erkennt, dass das Leben vergangen ist und er die Finsternis in der Seele und die innere Armut (das „dunkle Innere“) nicht überwinden konnte.

„Anna Schtschetinina schloss sich der Truppe in einer schwierigen Phase an. Es blieben buchstäblich noch zwei Wochen vor dem Theaterfestival, und es gab noch kein fertiges Stück.Wir haben „Faden“ nur zur Teilnahme dorthin geschickt, um zu zeigen, dass die Truppe existiert. Natürlich haben wir geglaubt, dass bei den Jungs und Mädels alles gut klappen würde, sie waren ja selbst voll des Optimismus, aber das Ergebnis hat alle unsere Erwartungen übertroffen. Die Truppe hat sich super geschlagen. Natürlich gab es einige Wünsche von den Mitgliedern der Jury, aber sie schätzten das Theaterstück sehr. Und vielen Dank an Anna, dass gerade sie in der schwierigen Phase unseren Schauspielern zur Seite stand. Ich bin froh, dass unser Theater eine Zukunft hat“, – teilte Olga Wladimirowna Litnjewskaja mit, die stellvertretende Vorsitzende der Gesellschaft der Deutschen „Wiedergeburt“.

Anna Schtschetinina selbst teilte ihre Eindrücke über die Arbeit mit dem Jugendtheater „Faden“ auf dem landesweiten Wettbewerb und sagte: „Wir sind nicht für Auszeichnungen hier her gekommen, sondern um zu zeigen, dass es uns gibt, und das ist alles (die Arbeit fand unter schwierigen Voraussetzungen und in sehr kurzer Zeit statt). Aber die Jungs und Mädels haben es geschafft, sich so zusammenzufinden, dass sie wie in einem Atemzug spielten, genauso wie beim letzten Mal. Eine große Rolle spielte auch die Atmosphäre in dem benötigten Schwarz-Beige, meine Lieblingsfarben auf der Bühne, auf der es nichts überflüssiges gab: ein paar Stühle und ein Tisch. Natürlich machte ich mir große Sorgen, aber Beruhigung kam auf, als wir sahen, dass die Zuschauer im Saal weinten. Das bedeutet, dass die Künstler es schafften, die Hauptidee der Seelen der Menschen nahezubringen, und das ist das allerwichtigste im Theater.“

Auf die Frage, warum gerade Samuel Beckett, antwortete Anna, die außerdem Studentin am Theaterinstitut Jekaterinburg (Spezialisierung „Schauspielerin für dramatisches Theater und Kino“) ist: „Ich brauchte ein Thema, welches ich verstehe und sehe. Am Institut haben wir die Literatur des 20. Jahrhunderts studiert, und ich habe schon vor langer Zeit einmal das Theaterstück für einen Schauspieler „Das Letzte Band“ gesehen. Ich musste viele surrealistische Werke lesen, jedoch auf russisch. Als ich verstand, dass nur ein absurdes Stück die Situation retten könnte, blieben wir bei dieser Inszenierung. Diese Regieentscheidung kam von ganz alleine, zufällig“. Nachdem es gelungen war, die Theatertruppe mit ihrer Zuversicht und ihrer Vision des einheitlichen Bildes zu begeistern, führte die Leiterin die Jungs und Mädels an sich heran. Die zuständige landesweite Jury, die den hypnotischen Effekt und das intellektuelle Rätsel des Stückes erkannte, vergab eine eine sehr gute Wertung an die Regisseurin des Theaterstücks „Das Letzte Band“.

Man muss anmerken, dass diese Arbeit der Theaterwerkstatt die erste von Anna Schtschetinina und bereits eine sehr erfolgreiche ist. Neue Entdeckungen, brillante Aufführungen und ein überzeugendes Spiel wünschen wir der Gruppe „Faden“.

 

Ljudmila Bewz

Übersetzung: Philipp Dippl

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